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Kategorie: 2007 Praktikum - Südafrika

1. und 2. Woche
Es war 9 Uhr, Mittwoch, der 2. Mai, als ich die Boeing 747 verließ und mich die Gangway hinunter Richtung Pass- und Zollkontrolle machte. Gerade mal zwei Stunden eher schlecht als recht geschlafen. Lag es an der unbequemen Sitzhaltung oder doch an der gestiegenen Aufregung? Immerhin wird einem während des über 10-stündigen Fluges erst so richtig klar, dass man das Flugzeug auf der anderen Seite der Kugel verlassen wird.

Ich wurde bereits erwartet. Vom Flughafen aus fuhren wir direkt zu meinem künftigen Arbeitsplatz bei der MAN Bus & Coach Ltd in Olifantsfontein, einem Industrieviertel im Großraum Johannesburg. Dort wurden mir auch gleich viele meiner künftigen Mitarbeiter vorgestellt, u.a. auch Latifa, meine Ansprechperson in der Personalbetreuung und Sebastian, ein weiterer Praktikant aus München, welcher für vier Monate in der Produktion tätig sein wird. Er wird außerdem mein Zimmernachbar in der Unterkunft sein und wir werden uns gemeinsam den Mietwagen teilen, einen netten kleinen Opel Corsa.

Das Werk ist Produktionsstätte von Reise- und Stadtbussen für viele afrikanische Länder. Etwas über 200 Mitarbeiter sind dort tätig, davon in etwa 30 Ingenieure. Es gibt auch eine Konstruktionsabteilung, in der ich tätig sein werde, quasi als Nachfolger meines JTB-Vorgängers (siehe Erfahrungsbericht 2006 von Philipp Reinisch). Besonderheit eines hier produzierten Busses liegt beim betriebsbedingten Einsatz eines LKW-Fahrwerks. Die Karosserie der Busse muss u.a. auf den in der Front liegenden Motor angepasst werden. Aber auch kundenspezifische Wünsche stellen die Ingenieure der Konstruktions- und Produktionsabteilung immer wieder vor neue Herausforderungen.

Nach der Arbeit ging es zur Unterkunft, welche mit dem Wagen gerade mal ein paar Minuten entfernt ist. Trotzdem war es eine mühevolle Aufgabe sich auf den Linksverkehr und den gespiegelten Innenraum des Wagens umzustellen; man wird quasi wieder zum Fahranfänger. Die Unterkunft ist ein Bed&Breakfast. Ich habe ein sehr nettes Zimmer mit ausreichend Platz, einen Fernseher, ein eigenes Badezimmer, sowie Frühstück und Abendessen. Das Grundstück wird abgesichert durch ein automatisches Tor sowie elektrischen Sicherheitszaun, was übrigens in Südafrika zur Standardausstattung gehört. Am Donnerstag und Freitag wurde ich von den Mitarbeitern im Werk mitgeführt, um den Ablauf und die anstehenden Aufgaben überblicken zu können. Meine erste Aufgabe war außerdem eine Untersuchung bez. der Innenraumverkleidung. Diese sei laut Kunde aufgrund der eingebrachten Textur kaum zu reinigen. Ein Testobjekt wurde mit verschiedensten Schmutzarten versehen, um dann in mehreren Stufen mit unterschiedlichen Reinigungsmitteln gesäubert zu werden.

Am Wochenende hat uns Latifa nach Sandton gefahren, dem „Beverly Hills“ von Johannesburg. Dort haben wir uns den Nelson Mandela Square angesehen, welcher definitiv noch mehrere Besichtigungen Wert ist. Außerdem hat sie uns ihrer Familie und Freunden vorgestellt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde mir klar, dass die Menschen hier überaus freundlich und zuvorkommend sind. Am Sonntag ging es dann mit Sebastian zu einem Naturreservat ganz in der Nähe der Unterkunft. Dort haben wir u.a. Nashörner, Zebras und Strauße bewundern dürfen.

In der zweiten Arbeitswoche war ich mit der Durchführung der Untersuchung „Reinigung der Innenraumverkleidung“, sowie der Ausarbeitung der zugehörigen Präsentation beschäftigt. Eine künftige Aufgabe, die Modifikation der Seitenklappen des Busses, wurde mir vorgestellt und ich sollte mir schon mal die Konstruktionszeichnungen der laufenden Serie ausdrucken und näher anschauen.

Am Samstag ging es dann zum alljährlichen „German Bierfest“ bei der Deutschen Schule Johannesburg. Ein großes Fest u.a. auch mit einer deutschen Blaskapelle. Eine gewisse Ähnlichkeit zum Münchner Oktoberfest war nicht zu übersehen.

Die Arbeitswoche begann mit der Aufgabe, eine Installationszeichnung für die Einstiegstreppe anzufertigen. Noch mal zur Erinnerung: Die Busse werden von einem Frontmotor angetrieben (Lkw-Chassis). Die Einstiegstreppe aus Glasfaser-Kunststoff befindet sich somit direkt neben dem Motor. Um Beschädigungen aufgrund der Hitzestrahlung des Motors zu vermeiden, soll ein zusätzlicher Isolationsschaumstoff auf die Rückseite der Treppe geklebt werden. Für die Zeichnung mussten Fotos von der fertigen, isolierten Treppe sowie die einzelnen Maße genommen werden. Hinzu kam noch eine Zuschnittanleitung, um Isolierstreifen für möglichst viele Treppen aus einem Bogen zu erhalten.

Am Mittwoch hatte ich dann Geburtstag. Abends habe ich Sebastian, sowie Latifa und ihre Familie, die ich mittlerweile sehr gut kennen gelernt und ins Herz geschlossen habe (und einfach mal Gastfamilie nenne), zum Essen eingeladen. Wir sind zum Montecasino gefahren. Man stelle sich Folgendes vor: Ein riesiges Gebäude in dessen Innern eine italienische Altstadt nachgebaut wurde. Es gibt ein „Stadtteil“ mit an die Decke gemaltem, strahlend blauem Himmel sowie einen mit leuchtenden Sternen versehenen, nächtlichen Bereich. Von kleinen Boutiquen und Restaurants bis zum Casino und Multiplex-Kino ist alles aufzufinden. Beeindruckend, mit welchem Aufwand die Illusion hergestellt wird. Wer allerdings das reale mediterrane Flair kennt, dem wird das Ganze auch etwas kitschig und übertrieben vorkommen.

Am Samstag gab es dann bei meiner Gastfamilie ein großes Barbecue (kurz „Braai“ genannt). Eine Freundin der Familie hatte auch Geburtstag und so haben wir in sehr großer Runde gegrillt und den Tag zur Nacht gemacht.

Am Montag kam Robert (Manager of Engineering, deutscher Mitarbeiter) auf mich zu und bat mich um Hilfe bei der Übersetzung von elektrischen Schaltplänen. Die Schaltpläne sind in Deutsch und sollen für einen Kunden möglichst zeitig ins Englische übersetzt werden. Da ich einer der wenigen Deutschsprachigen im Hause bin habe ich die Aufgabe auf mich genommen. Im Anschluss wurde mir dann langsam klar, dass diese Aufgabe mehr als eine Woche gründliche Recherche in Anspruch nehmen wird. Das Positive daran: durch das Übersetzen habe ich eine beträchtliche Anzahl an englischen Fachwörtern verinnerlicht, was bei Gesprächen mit Kollegen und Zulieferern nur von Vorteil sein kann.

Am Mittwoch wurden Sebastian und ich eingeladen, beim Kleinfeld-Fußball mitzuspielen. Voller Vorfreude endlich mal wieder den Ball zu treten, standen wir bereits zum Aufwärmen auf dem Kunstrasen-Spielfeld, als wir, im wahrsten Sinne des Wortes, ein „blackout“ hatten. Das Stromnetz in Südafrika wird von gelegentlichen Überlastungen belastet und wir wurden Zeugen davon. Das Spiel wurde aufgrund totalen Sichtverlusts gar nicht erst angepfiffen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wurde mir auch klar, warum im Fernsehen hin und wieder der Status des Stromnetzes durchgegeben wurde. An diesem Abend herrschte wohl eindeutig Stufe ROT!

Am Freitag bekamen wir Besuch vom Chef MAN-Südafrika. Er hielt eine Rede vor der kompletten Belegschaft, um einerseits für die anstehenden Aufgaben zu motivieren und andererseits den Abgang des derzeitigen Werksleiters bekannt zu geben.

Bis Mitte der Woche war ich noch mit dem Übersetzen der Schaltpläne beschäftigt. Obwohl es ein hartes Stück Arbeit war und mich einige Nerven gekostet hat, bin ich schlussendlich froh über die nebenbei angeeigneten englischen Fachwörter. Im Anschluss modellierte ich die Klavierscharniere für die Änderung der Seitenklappen an der aktuellen Busgeneration. Hierzu stand mir ein Rohscharnier des Zulieferers zur Verfügung. Zum 3D-Modell wurden noch Bohrungen und Zuschnitte hinzugefügt und anschließend Zeichnungen angefertigt, welche dem Zulieferer oder wahlweise auch der Produktion zukommen gelassen werden. Schon während der Anfertigung dieses relativ simplen Modells müssen Kleinigkeiten, wie die Position der Bohrungen, genau durchdacht werden, um Konflikte bei der späteren Produktion und beim Zusammenbau zu vermeiden.

Am Dienstag waren wir abends in einem Multiplex-Kino. Unterschied zu meiner Kino-Erfahrung in Deutschland: ein höherer Verzehr von Softdrinks und Knabberzeug sowie deutlich bequemere und größere Kinositze. Am Samstag haben wir meiner Gastfamilie, die sich im Umzug befindet, geholfen, das alte Haus auszuräumen. Da es sich um weniger Aufwand handelte, als erwartet, haben wir nach getaner Arbeit noch ein letztes Barbecue im alten Heim veranstaltet. Am Sonntag sind Sebastian und ich zum „Lion Park“ gefahren. Die Tour beginnt mit einer Fahrt an Straußen, Zebras und Giraffen vorbei. Dann kommen die separat getrennten Löwengehege. Während man im Schritttempo durch diese hindurch fährt, laufen Löwen und Löwinnen relativ unbeeindruckt am Auto vorbei. Gelegentlich lassen sie ein tiefes und Respekt einflößendes Brüllen von sich. Nach der Tour kann man noch an verschiedenen Gehegen vorbeilaufen. Wir haben dann die Chance genutzt, um ins Gehege der Löwenjungen zu gehen. Sie sehen klein und niedlich aus, können aber, wie ich feststellen musste, schon ganz gut kratzen und beißen.

In der sechsten Arbeitswoche beschäftigte ich mich mit der Veränderung der Tankseitenklappe. Nicht nur das Scharnierprinzip, sondern auch der Verschließ- und Haltemechanismus sollen geändert werden. Während der Durchführung wird einem dann klar, wie viel Detailarbeit dahinter steckt. Nicht nur die Seitenklappe, auch die Rahmenstruktur des Busses muss an die Änderungen angepasst werden. Am Mittwochabend war ich dann nach langer Zeit endlich wieder Fußball spielen. Lag es an der Höhenluft (immerhin sind wir hier auf über 1700m über dem Meeresspiegel) oder an meiner mittlerweile mageren Kondition? Nach wenigen Sprints hat meine Lunge jedenfalls bereits angefangen zu meckern. Am Freitag gab es eine längere Teambesprechung. Besprochen wurden die Aufgaben und deren voraussichtliches Abgabedatum. Auch der Führungswechsel (neuer Werksleiter) und die damit verbundenen Neuerungen waren Thema. Ich kann mich glücklich schätzen, eine solche Phase in diesem Unternehmen hautnah mitzuerleben. Eine wertvolle Erfahrung.

Am Sonntag habe ich mir einen Lebenstraum erfüllt. Ein naturwissenschaftlicher Versuch: Man lasse einen Körper bei 4000m über dem Boden aus einem Flugzeug fallen. Versuchsort: Pretoria Skydiving Club. Versuchsobjekt: meine Wenigkeit (inkl. Tandem-Meister). Wie schnell fällt der Körper? Unfassbar schnell. Wie hoch ist der Adrenalinspiegel? Über der Skala. Nebenwirkungen? Anhaltende Euphorie und dämliches Grinsen noch mehrere Tage nach dem Versuch.

Im Laufe der siebten und achten Woche war ich hauptsächlich mit den Änderungen der Tank-Seitenklappe beschäftigt. Wenngleich die Konstruktion aufgrund des zeitlichen Drucks eher simpel gehalten werden sollte, entwickelte sich die Aufgabe als gleichzeitig sehr interessant und anspruchsvoll, da nicht nur konstruktive, sondern auch logistische und kostenspezifische Aspekte berücksichtigt werden müssen. Kann die Halterung so hergestellt werden? Ist ein neu konstruiertes Teil notwendig oder kann eine bereits vorhandene Konstruktion verwendet werden?

Am Dienstag bekamen wir unseren „neuen“ Mietwagen, da unser bisheriges verschleißte Bremsen aufwies. Laut dem Mitarbeiter der Mietwagenfirma bekommen wir diesmal ein richtiges „Männerauto“. Ein VW Citi Chico. Wer den letzt jährigen Erfahrungsbericht gelesen hat, wird wissen, dass es sich hierbei um einen neuen 1er Golf handelt. Quasi zurück in die Vergangenheit. Übrigens: ein „Männerauto“ ist es dann doch nicht wegen des etwas leistungsstärkeren Motors, sondern eher aufgrund der fehlenden Servolenkung.

Da sich während der Ausarbeitung meiner Tankklappen-Konstruktion das Lastenheft teilweise änderte, musste ich mich mit Louis, dem Abteilungsleiter des Design Departments, am Donnerstag zusammensetzen und einen neuen Abgabetermin festlegen, da der bisherige nicht mehr einzuhalten war. Ich empfand es als kleine Niederlage, die mir allerdings klar gemacht hat, wie viele Probleme bzw. Teilaufgaben auf einen zukommen können.

Am Freitag fuhren Sebastian, Cedric und ich direkt nach der Arbeit gen Süden nach Durban, der Hafenstadt am Indischen Ozean, ungefähr 600km von Johannesburg entfernt. Cedric hat seine Familie in Durban und diente uns somit unter anderem als Reiseführer. Das Wochenende in Durban war großartig und sehr kurz. Uns blieben quasi nur der komplette Samstag und noch der Sonntagvormittag. In dieser kurzen Zeitspanne galt es dann einige Sehenswürdigkeiten zu erkunden: den Hafen, den Altbau der Durban City Hall, das Ushaka Seaworld, das Nachtleben und… den Indischen Ozean! Klares und vor allem warmes Wasser, ein mehrere Kilometer langer Sandstrand und ein Tag voller Sonnenschein bei knapp 30°C (im Winter wohlgemerkt). Alles in allem ein Wochenende, welches Lust auf mehr macht.

Die Gedanken blieben nicht lange an Durban hängen. Ein Kollisionsproblem zwischen dem neuen Scharnierprinzip und den aktuellen Dichtleisten rief mich gleich am Montag zurück in die Realität und beschäftigte mich auch noch die nächsten Tage. Vom Zulieferer kamen auch bereits die ersten von mir konstruierten Teile. Allerdings waren einige nicht richtig hergestellt, d.h. sie bestanden entweder aus dem falschen Material oder die Maße stimmten mit den Zeichnungen nicht überein. Wieder um eine Erfahrung reicher.

Gleich zu Beginn der Arbeitswoche gab es ein Meeting unserer Abteilung (Design Department) mit dem neuen Werksleiter. Nachdem er kurz seinen Werdegang beschrieben hat, hat er uns seine Pläne zur Verwirklichung einer „Performance Culture“ in diesem Betrieb vorgestellt. Gleichzeitig gab es noch Kommentare und Kritik zum Status quo.

Am Dienstagabend wurden wir dann Zeugen eines sehr seltenen Naturschauspiels. Da hat es doch tatsächlich angefangen zu schneien! Und das nicht zu knapp. Ich war genauso erstaunt und fasziniert, wie meine südafrikanischen Freunde, die Schnee normalerweise gar nicht in die Hände bekommen. Ich hab die Gunst der Stunde genutzt und eine Schneeballschlacht angezettelt. Schneeballschlacht in Südafrika! Ich kann es auch jetzt noch kaum fassen. Ob der Klimawandel daran schuld ist?

Die Tank- sowie Batterieseitenklappe habe ich am Donnerstag beendet. So konnte ich mich am Freitag an die Gepäckseitenklappen setzen. Aufgrund des Zeitdrucks konnten nicht alle Modelle aktualisiert werden. Stattdessen wurden vorerst nur „Redline“-Zeichnungen angefertigt, d.h. Zeichnungen werden durch handschriftliche Skizzen und Kommentare aktualisiert.

Am Wochenende haben wir uns abends das Studentenviertel Melville mit seinen Clubs und Bars angeschaut.

Nachdem ich am Montag alle Zeichnungen für die Gepäckseitenklappen fertig hatte, assistierte ich meinen Kollegen bei deren Aufgaben, damit diese auch fristgerecht abgegeben werden konnten. Zusammen saßen wir an komplizierten Modellen für Kunststoffschalen, Zeichnungen mussten mit Stücklisten und Beschriftungen versehen werden und Teilenummern gewisser Kleinteile, wie z.B. Schrauben und Scheiben, finden sich erst, wenn man das Lager auf eigene Faust durchforstet. Gegen Ende der Arbeitswoche bekam ich dann eine neue Aufgabe. Aufgrund eines speziellen Kundenwunsches muss die Heckstoßstange ummodelliert werden. Das Flächenmodell der Stoßstange besteht aus vielen unterschiedlichen, ineinander übergehenden Krümmungen. Da der Ersteller des aktuellen Modells die Firma verlassen hat und seine Herangehensweise kaum nachzuvollziehen ist, gestaltet sich die Aufgabe etwas komplizierter.

Am Mittwoch sind wir abends in die Stadt zur Filmpremiere einer Dokumentation mit einem recht ausgefallenen Thema: Rapperinnen und Graffiti-Künstlerinnen in Südafrika. Anschließend wurde noch ein Jazz-Club besucht. Tolle Live-Musik in sehr ansprechendem Ambiente.

Bereits am Freitagmorgen sind Sebastian, meine südafrikanischen Freunde und ich gemeinsam zum verlängerten Wochenende aufgebrochen. Ziel war (mal wieder) Durban. Da an diesem Wochenende das alljährliche große Strand-Festival, sowie das Durban July (traditionelles Pferderennen) stattfanden und wir Freikarten für so gut wie alle Veranstaltungen hatten, wurde die Hafenstadt erneut besucht. Die Fahrt gestaltete sich aufgrund morgendlichem Nebels und mehrerer Unfälle bedingter Kolonnen als ziemlich anstrengend. Doch was uns erwartete, rechtfertigte die Mühe: tolles Wetter und jede Menge Spaß. Die Strandpromenade war mehr als gut besucht und Beachsoccer-, Beachvolleyball- sowie Surf-Turniere wurden ausgetragen. Das Pferderennen war eine riesige Veranstaltung mit anschließenden After-Parties an jeder Ecke. Zum Glück konnte ich der Versuchung widerstehen auf die Pferderennen zu wetten. Allerdings schienen die meisten anderen Besucher vom Wettfieber befallen zu sein.

Zu Beginn der Woche plante ich, Modell und Zeichnung der kundenspezifischen Heckstoßstange zu beenden. Doch wieder einmal wurde es dunkel. Ein mehrstündiger Stromausfall im kompletten Industriegebiet. Wir waren schon bereit, die alten Zeichenbretter hervor zu kramen und wie in der guten alten Zeit mit Stift und Papier zu arbeiten. Wäre es soweit gekommen, hätte sich der uralte Universitätslehrplan, welcher uns Studenten quasi zu technischen Zeichnern ausbildet, doch noch als sinnvoll herausgestellt. Schließlich beendete ich das Projekt Heckstoßstange am Donnerstag, nachdem ich zuvor auch Diskrepanzen zwischen Zeichnung und Ausführung von Schweißarbeiten an den Stoßstangenhalterungen am Busrahmen feststellte und korrigierte.

Mein verbales Englisch scheint sich auch zu verbessern. Von gewissen Mitarbeitern wurde ich zu Beginn noch als Jackie Chan tituliert. Mittlerweile heißt es, ich würde mich anhören wie Roger Federer in einer Pressekonferenz. Eine deutliche Verbesserung, wie ich finde. Aber noch lange nicht das Optimum.

Am Freitag gab es eine Abschiedsfeier zu Ehren des scheidenden Werksleiters. Ein Barbecue für die komplette Belegschaft. Unser Team, das Design Department, hat hierfür das Fleisch für etwa 400 Personen gegrillt. Eine spaßige aber auch schweißtreibende Angelegenheit. Auf jeden Fall eine gelungene und das Wochenende standesgemäß einläutende Veranstaltung.

Spätestens in der zwölften Woche bei MAN Bus & Coach (S.A.) leuchtete mir ein, dass ein Konstrukteur bzw. Designer seine Arbeitszeit nicht nur im stillen Kämmerlein vor der Flimmerkiste verbringt. Es galt eine Installationszeichnung für Seitenblinker zu erstellen. Neben der Modellierung des Blinkers und dessen Implementierung in das Busmodell, mussten Maßangaben zur Positionierung am realen Bus verifiziert, die richtige Befestigungsart gewählt und verfügbare Normteile im Lager ausfindig gemacht werden. Aufgrund kurzfristiger Änderungen von Konstruktionen, die sogar die bereits in der Produktion befindlichen Busse betreffen, mussten außerdem Monteure und Schweißer direkt instruiert sowie bei den Zulieferern bereits laufende Bestellungen geändert werden. Wird es zeitlich richtig eng, fährt der Abteilungsleiter schon mal persönlich mit dem Privatwagen zum Zulieferer und bringt die benötigten Kaufteile im Kofferraum zum Lager.

Mittlerweile werde ich auch nicht mehr als Praktikant, sondern als „Aleš from the Drawing office. He is from Germany“ vorgestellt. Als vollwertiges Mitglied hat man nicht nur den gleichen Aufgabenumfang und Verantwortungsbereich wie die anderen im Team. Bei Krisengesprächen des Teams mit dem neuen Werksleiter, wie diesen Freitag geschehen, fühlt man sich bezüglich positiver und negativer Kritik auch in vollem Umfang beteiligt. Auch wenn eine Standpauke wie diese dann ziemlich unangenehm sein kann, empfinde ich sie gleichzeitig als sehr lehrreich und wertvoll für meine berufliche Zukunft.

Eine letzte Anmerkung zu einem anderen Thema. Da unser Ferrari-roter 1er Golf seinen Inspektions-Kilometerstand von 30.000km erreicht hat, wurde uns mal wieder ein neues Mietauto zur Verfügung gestellt. Ein Opel Corsa, mal wieder. Wir sind auch gar nicht so traurig darüber. Zwar etwas weniger Leistung, aber dafür viel mehr Komfort und vor allem Servolenkung. Der 1er Golf ist von der Konstruktion nun mal Jahrzehnte alt, was durch einen neuen Motor und neue Innenraumverkleidung nicht vertuscht werden kann.

Am Montag sind die neuen Halterungen für die Seitenklappen gekommen. Eigentlich sollten vorerst nur 25 Teile vom Zulieferer hergestellt werden, damit vor Einführung in die Produktion sichergestellt werden kann, dass die neue Konstruktion alle Ansprüche erfüllt. Allerdings sind gleich über 200 Teile geliefert worden. Generell hat man hier öfter mit der Einstellung der Zulieferer und der Kommunikation untereinander zu kämpfen. Schlussendlich funktioniert es aber, irgendwie. Die neuen Halterungen sind mittlerweile auch im Einsatz und funktionieren wie erwartet und erhofft. Bevor es allerdings soweit war, mussten die zuständigen Schweißer persönlich von mir instruiert werden. Leider kommt es noch häufig vor, dass die aktualisierten technischen Zeichnungen von den Mitarbeitern in der Produktion unbeachtet bleiben. Somit ist der sicherste Weg, die letzten Änderungen an der jeweiligen Konstruktion auch persönlich mit dem Auszuführenden durchzusprechen.

Des Weiteren habe ich in dieser Woche angefangen mit dem CAD-Programm INVENTOR zu arbeiten. Neben CATIA und der Dokumentationssoftware MAGIC somit die dritte Software, die ich verwende. Nach kurzem Lehrgang durch meinen Kollegen hab ich mich auf eigene Faust mit der Software vertraut gemacht. Generell lässt sich feststellen, dass INVENTOR schneller zu erlernen und einfacher zu bedienen ist. Spätestens bei komplexen Modellen (z.B. Flächenmodelle mit unterschiedlichen Krümmungen) muss allerdings wieder auf CATIA zurückgegriffen werden.

Am Samstag war ich in Johannesburg City bei einem Streetball Turnier mit anschließendem Hip-Hop-Battle. Wo Basketball ist, ist natürlich auch Hip-Hop. Auf der Heimfahrt hatten wir dann einen Reifenplatzer auf dem Highway. Und ich durfte feststellen, dass wir weder Ersatzreifen noch Warndreieck dabei hatten. Den Ersatzreifen bekamen wir von Freunden, die uns glücklicherweise gefolgt sind. Das Warndreieck ist in Südafrika nicht vorgeschrieben, was ich absolut nicht nachvollziehen kann. Am Sonntag gab es auf den Straßen von Sandton City (Südafrikas Beverly Hills) das große Renault F1 Event. Hauptattraktion war der Renault Formel 1 Wagen, welcher mit Giancarlo Fisichella hinterm Steuer und knapp 300 Sachen an uns vorbei schoss. Ziemlich beeindruckend.

Die nächste Woche verbrachte ich zu Beginn an der INVENTOR Workstation. Die Modellierung der Luftfilter-Seitenklappe nach speziellem Kundenwunsch war eine gute Aufgabe, um getreu dem Motto „learning by doing“ mit der Software vertraut zu werden. Die Änderung der Seitenklappe erforderte insgesamt vier neue Zeichnungen: Das Plattenelement, die Schweißverbindung, der komplette Zusammenbau und die Installation.

Am Dienstagabend haben wir „The Lion King“ (Der König der Löwen) im neuen Musicaltheater besucht. Die Geschichte kannten wir zwar schon vom Kinofilm, trotzdem hat sich der Besuch schon allein von der Musik, dem Gesang und den Kostümen gelohnt.

Am Mittwoch bekam ich eine neue Aufgabe vom Manager der Ingenieurabteilung. Ein Kunde hat Busse mit diversen Abweichungen zur Standardkonstruktion bestellt. Nun sollten die Materiallisten und technischen Zeichnungen zu all diesen kundenspezifischen Änderungen in einem Ordner zusammengetragen werden. Eine Aufgabe, die nur durch viel Recherche erledigt werden kann. Allerdings kann ich nun behaupten, dass ich einen sehr guten Überblick über das komplette Projekt habe, was mich bei diversen Gesprächen nicht mehr nur zum Zuhörer sondern mittlerweile zum Mitredner macht.

Am Freitag war großer Umzug. Unser komplettes Team ist in das Erdgeschoss gewandert. Einige Wände wurden eingerissen, sodass nun Design, Dokumentation und Logistik in einem Großraumbüro sitzen. Insgesamt 14 Personen. Ziel dieser Aktion ist es, die Kommunikation der Abteilungen untereinander zu verbessern. Neben stehend bin ich an meinem nun ehemaligen Arbeitsplatz zu sehen.

Am Sonntag besuchten wir „Cars in the Park“, ein riesiges Autofestival auf einer Rennstrecke nahe Pretoria, bei dem jeder seinen besonderen Privatwagen zur Schau stellen darf. Oldtimer, Monstertrucks, Rennwagen, das komplette Spektrum. Quasi schon auf dem Heimweg entschieden wir uns dann spontan unseren Opel Corsa auf der freien Rennstrecke zu testen. Natürlich haben wir den Wagen nicht ausgereizt, aber es war trotzdem ein großer Spaß.

Der frühe Vogel fängt den Wurm. Bereits um 5 Uhr bin ich am Montag aufgestanden, um Sebastian und dessen Freundin zum Flughafen zu fahren, wo die beiden ihren Kapstadt-Urlaub antraten. Auf der Fahrt zum Werk habe ich dann nach langer Suche eine Tankstelle gefunden, die noch Benzin übrig hatte. Bereits seit Freitag hatten nämlich die Tanklastwagenfahrer gestreikt, sodass kein Kraftstoff mehr von den Raffinerien zu den Tankstellen kam. Am Dienstag war allerdings alles schon wieder im Reinen und die Leute konnten mit ihren Benzin fressenden Pick-Ups durch die Gegend heizen.

Am Mittwoch saß ich mit den Managern der Konstruktions- und Dokumentationsabteilung, sowie dem Leiter der kompletten Ingenieurabteilung zusammen. Wir hielten eine sog. „Design Review“ für die spezifischen konstruktiven Änderungen eines Großkunden. Dabei wurde quasi der komplette Bus von vorne bis hinten bez. vorhandener Konstruktionszeichnung und Dokumentation betrachtet. Wichtigste Referenz bei diesem Meeting war der Ordner, den ich in den letzten eineinhalb Wochen vorbereitet hatte. Meine Aufgabe nach dem Meeting bestand darin, die fehlenden und noch nicht fertigen Zeichnungen und Stücklisten einzuholen, also den Ordner regelmäßig zu aktualisieren.

Sebastian kam am Samstag aus Cape Town zurück und so konnten wir gemeinsam am Sonntag eine Soweto-Tour unternehmen. Soweto ist Teil Johannesburgs und eines der größten Townships in Afrika. Man schätzt, dass etwa zwei bis drei Millionen Menschen in Soweto leben, ausschließlich Schwarzafrikaner, die während des Apartheid-Regimes aus der Innenstadt Jo’burgs zwangsumgesiedelt wurden. Etwa eine Million der Einwohner Sowetos leben in absolut ärmlichen Verhältnissen. Kleine Hütten aus Wellblech zusammen gebastelt und kein Anschluss zum Versorgungsnetz (Wasser, Abwasser, Strom, Gas). Der Aufenthalt in Soweto war ein tief greifendes und erschütterndes Erlebnis. Wir haben u.a. auch Nelson Mandelas ehemaliges Heim besucht. Den Abschluss bildete ein knapp dreistündiger Aufenthalt im wirklich empfehlenswerten Apartheid-Museum, welcher unsere Stimmung allerdings noch weiter gedrückt hat. Wer nach Johannesburg kommt, der muss auch diese unverklärte Seite Südafrikas erlebt haben.

Die folgende Arbeitswoche war ich mit mehreren Aufgaben bez. des Design-Ordners (s. zweiten Absatz) beschäftigt. Des Weiteren gab es auch einige konstruktive Änderungen am Chassis zu erledigen. Und die Mitarbeiter der Qualitätssicherung kamen öfter mal vorbei und hatten Probleme bei der Montage zu berichten. Da hieß es Problem suchen und die Ursache finden, welche zumeist bei Unstimmigkeiten zwischen Zeichnung und geliefertem Teil lag. Am Dienstag gab es eine Road Show vom CEO von MAN Truck & Bus. Eine einstündige Präsentation zur momentan Position des Unternehmens, sowie ein Blick in die nahe Zukunft mit den zu erreichenden Zielen.

Am Freitag ging es in großer Gruppe zum Bowling. Und am Sonntag sind wir zu dritt einfach ins Auto gestiegen, frei nach dem Motto „Wir haben kein Ziel aber wir fahren los“. Resultat war eine aufregende Runde Offroad-Go-Kart und die Aussicht auf einen ziemlich großen Stausee inmitten dieser trockenen Landschaft.

Die Woche über war ich hauptsächlich damit beschäftigt, an unterschiedlichen Brennpunkten als „Fire Fighter“ zu agieren, d.h. dringende Änderungen schnellstmöglich durchführen damit die Produktion nicht ins Stocken gerät. Werden einem solche „Notfälle“ in Obhut gegeben, sieht man sich plötzlich hohem Stress ausgesetzt. Immerhin muss am Besten sofort eine funktionierende Lösung gefunden werden. Die Problemkinder waren diesmal unzweckmäßige Schweißverbindungen, sowie falsch dimensionierte Innenverkleidungsplatten und Dichtleisten der Seitenklappen. Vor allem das Problem Schweißverbindungen war kritisch und konnte nur durch persönliches Instruieren der zuständigen Schweißer gelöst werden. Am Freitag gab es kurz vorm Einläuten des wohlverdienten Wochenendes eine spontane Gesprächsrunde mit den Managern des Engineering, in welcher noch mal IST- und SOLL-Zustand diskutiert wurden.

Am Samstag wurde es dann kriegerisch. Zu acht sind wir zum Paintball gefahren, was viel anstrengender aber auch lustiger war, als ich jemals erwartet hätte. Erst am darauf folgenden Tag bemerkte ich die von den Farbgeschossen entstandenen blauen Flecken an meinen Armen und Beinen. Ich war froh, nach teilweise intensiver Recherche, alle nötigen Informationen für die Installationszeichnung der Heckstoßstange beisammen zu haben. So konnte ich diese auch im Laufe der Woche fertig stellen. Am Mittwoch war nach mehrwöchiger Abstinenz wieder einmal Fußballtraining angesagt. Ob dies eine gute Idee war? Tage später hatte ich noch einen derben Muskelkater. Es ist halt eine Hassliebe. Der Freitag war der letzte Arbeitstag des Engineering-Abteilungsleiters. Hierzu wurde das gesamte Team zu einem persönlichen Barbecue eingeladen. Eine nette Runde mit den Arbeitskollegen, wo auch das Übertreffen der monatlichen Sollmenge an produzierten Bussen zelebriert wurde. Nach diesem Auslandseinsatz wird der scheidende Abteilungsleiter eine Stelle in der Lkw-Abteilung im Münchner Werk besetzen.

Das Wochenende lag im Zeichen der Haute Couture. Eine große Modemesse wurde in Jo’burg abgehalten. Da unser Kumpel wesentlich an der IT-Ausstattung des Events beteiligt war, organisierte er uns VIP-Eintrittskarten. Dadurch hatten wir quasi keine Ausrede mehr und haben uns somit Fashion Shows und After Party angetan. Es war auf jeden Fall interessant, so etwas einmal mitzuerleben. Einmal reicht dann aber auch.

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