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Kategorie: 2006 Praktikum - Tokio

Watashi wa Tokyo he ikimasu – Ich fliege nach Tokio

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Mit 15 Stunden Reisezeit war der Flug von Berlin nach Tokio der längste, den ich je unternommen habe. Nach meiner Ankunft am Narita Flughafen musste ich „nur noch“ 1½ Stunden im Bus zurücklegen, um im Zentrum der Stadt einzutreffen. Auf einmal überfiel mich die Müdigkeit, die ich Stunden zuvor im Flugzeug noch vermisst hatte, so dass ich fast die Einfahrt nach Tokio verpasst hätte. Viele Wohnhäuser stehen dicht gedrängt beieinander und sind den erhöhten innerstädtischen Schnellstrassen teilweise so nahe an, dass ich mich wundere, wie die Bewohner des Nachts in den Schlaf kommen. Obwohl die Autos so nahe vorbeifahren, hängt die Wäsche zum Trocknen auf den winzigen Balkons. In der Ferne konnte ich den Hafen und den „Tokyo Tower“ erspähen.

Endlich in Shinjuku, einem der angesagtesten Viertel angekommen, wurde ich sofort von der Human Resources Managerin von T-Systems, Masami Tezuka, empfangen. Tezuka-san – „san“ ist die japanische Anrede für Frau oder Herr – spricht einwandfreies Englisch, so dass gar keine Sprachbarriere zu überwinden war. Obwohl ich mich einige Monate mit einem Sprachkurs auf das Praktikum vorbereitet hatte, reicht mein Japanisch für eine Konversation leider nicht aus.

Zusammen mit Tezuka-san habe ich meinen Mietvertrag unterschrieben. Zu meiner Wohnung sind wir dann auch gemeinsam gefahren. Darüber war ich mehr als froh, denn in Tokio findet man sich ohne fremde Hilfe nur schlecht zurecht. Für einen Europäer scheint es unvorstellbar, dass es in einer Stadt mit über 8 Millionen Einwohnern – in der Metropolregion leben sogar über 36 Millionen Menschen – kaum Straßennahmen gibt. Daher orientiert man sich vorrangig an bekannten Landmarken, wie zum Beispiel U-Bahn-Stationen, Supermärkten oder Parks. Aber auch mit Tezuka-sans Hilfe war es nicht leicht, meine Wohnung aufzuspüren.

Die nächsten 5 Monate werde ich in einer für japanische Verhältnisse recht geräumigen 30-m²-Wohnung in Nerima, einem ruhigen Viertel im Nordosten Tokios, verbringen. Mein gewohntes Bett werde ich gegen einen Futon in einem mit Tatamimatten ausgelegten Zimmer tauschen. Zum Glück besitzt meine Wohnung eine Klimaanlage. Die Tagestemperaturen liegen zwar im Sommer zwischen noch erträglichen 25°C und 30°C, die mit bis zu 90 Prozent hohe Luftfeuchtigkeit macht dies jedoch ohne Klimaanlage unerträglich.

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Von meiner Wohnung bis zum Büro von T-Systems benötige ich mit der Metro (U-Bahn) ungefähr 45 Minuten. Das ist normal für Tokio, wo eine staatliche und eine private Gesellschaft den öffentlichen Nahverkehr sicherstellen. Ebenso normal ist es, dass die Metro am Morgen brechend voll ist, obwohl die meisten Züge im 3-Minuten-Rhythmus fahren. Trotzt Klimaanlage kann es mir da richtig warm werden, wenn ich dicht gedrängt an zur Arbeit eilende Japaner im Anzug stehe. Männer scheinen dabei in der Mehrzahl zu sein. Ich habe mir erklären lassen, dass in Japan oft noch die traditionelle Einstellung vorherrscht, dass verheiratete Frauen tagsüber zuhause bleiben.

Am frühen Morgen überwachen die Angestellten der Metro auf den Bahnsteigen die einfahrenden Züge sowie die hektischen Pendler. Entgegen den Gerüchten ist es mir bis jetzt noch nicht vorgekommen, dass die Bediensteten mit den weißen Handschuhen die Leute in den Zug schieben, um keinen Platz zu verschenken. Stattdessen überwachen sie den zügigen Betrieb und das sichere Ein- und Aussteigen und signalisieren die Abfahrtsbereitschaft des Zuges. Dabei schreien sie meist den Namen der Station, die Umsteigemöglichkeiten sowie einige für mich nicht verständliche Sätze in ihre Mikrofone, so dass sie in der ganzen Station zu hören sind. Übrigens stellen sich in Japan die Leute oft in Reihe an, bevor sie in den Zug einsteigen. Es geht also trotz aller Hektik am Morgen auch sehr geordnet zu. Im Zug surfen viele Japaner mit ihrem Handy im Internet (!), schreiben E-Mails (!) oder vergnügen sich mit Handyspielen. Die zweite Lieblingsbeschäftigung besteht im Schlafen und das versuchen selbst die Leute, die keinen Sitzplatz abbekommen haben. Andere lesen Bücher oder Zeitungen. Dabei erweist sich die japanische Schrift als sehr praktisch, denn die Zeitungsartikel können nicht nur von links nach rechts sondern auch von rechts nach links und dabei von oben nach unten geschrieben werden. Das spart Platz im engen Metrozug und dem Sitznachbarn eine aufgerissene Zeitung im Gesicht. Leider kann ich dieses komfortable Studieren der Morgenausgabe auf Grund meiner „Leseschwäche“ nicht genießen.

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Mein Praktikum findet im Bereich Finance & Controlling von T-Systems Japan statt. Ich arbeite in einem kleinen Team, das zum Großteil aus Japanern besteht. Ich berichte direkt an den CFO, Guillaume Ouvrieu, der Franzose ist, aber auch sehr gut Deutsch spricht. Die Mehrzahl meiner Kollegen sind Japaner, aber es finden sich auch viele Deutsche in den Führungspositionen wieder. Man unterhält sich also entweder auf Deutsch, Englisch oder Japanisch.

Auslandsstipendium Tokio – MLP Praktikantenprogramm Join the best

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Während der ersten Wochen bin ich an einigen Tagen morgens um 4 Uhr aufgestanden, um die Spiele der Deutschen Nationalmannschaft im Fernsehen zu verfolgen. Zum Glück war ich auf die Erklärungen der Kommentatoren nicht angewiesen, denn außer „Ballacku“ oder „Schweinsteiga“ habe ich nicht viel verstanden. Am Ende war wenigstens mein Chef darüber glücklich, dass Frankreich Vize-Weltmeister geworden ist.

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Für die Dauer meines Praktikums bin ich einerseits für das Erstellen des monatlichen Berichts an das Management verantwortlich. Dabei werde ich verschiedene Kennzahlen des Unternehmens konsolidieren und entsprechend den Vorgaben des Managements aufarbeiten und präsentieren. Andererseits werde ich die vorhandenen Prozesse in meiner Abteilung dokumentieren und leiste damit eine wichtige Vorarbeit für die SOX-Zertifizierung. Nach den Vorgaben des amerikanischen Sarbanes-Oxley-Act muss in einem Unternehmen sichergestellt werden, dass bestimmte finanzielle Risiken ständig überwacht werden und größtenteils ausgeschlossen sind. Diese Aufgabe wird mir einen guten Überblick über die verschiedenen Prozesse und Aufgaben meines Teams vermitteln und ist gleichzeitig lehrreich und spannend. Da mein PC und alle meine Zugänge für die verschiedenen Systeme innerhalb des ersten Tages einsatzbereit und frei geschaltet waren, konnte ich mich von Beginn an meinen Aufgaben widmen.

Meine Kolleginnen erweisen sich nicht nur während der ersten Tage als sehr hilfsbereit. Auf ihre Zusammenarbeit bin ich vor allem bei der Dokumentation ihrer Aufgabenbereiche angewiesen. Obwohl durch die Erläuterungen ihrer Aufgaben der Arbeitsprozess länger als normalerweise dauert, sind alle sehr kooperativ. Dies ist nicht immer selbstverständlich, denn mit der bei Prozessdokumentationen einhergehenden Transparenz fühlen sich einige Mitarbeiter oft leicht ersetzlich und sind anfangs eher skeptisch. Die Kommunikation auf Englisch funktioniert generell gut. Da dies aber von keinem die Muttersprache ist, sind einige Missverständnisse nicht zu vermeiden.

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Was im Büro zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ist auf der Straße keineswegs der Fall. Englisch scheinen nur die wenigstens Japaner zu sprechen. Ich habe erfahren, dass in der Schule zwar Englisch unterrichtet wird, wobei viel Wert auf Lesen und Schreiben gelegt wird. Freies Sprechen wird selten geübt und daher sind die Japaner damit auch sehr zurückhaltend. Zum Glück werden die wichtigsten Hinweise in der U-Bahn und in der Stadt ins Englische übersetzt. Der Rest besteht aus einer Mischung der drei verschiedenen Alphabete, die das Japanische zu bieten hat: Hiragana ist die japanische Lautschrift. Katakana ist dieser sehr ähnlich und wird für aus dem Englischen entlehnte Begriffe und für ausländische Namen verwendet. Beide Alphabete besitzen jeweils ca. 50 verschiedene Symbole. Mit knapp 2000 Schriftzeichen, die im Alltag benutzt werden, bilden Kanji das Alphabet, vor dem ich am meisten Respekt habe. Es wurde dem Chinesischen entnommen, die Zeichen werden aber unterschiedlich ausgesprochen und besitzen andere Bedeutungen. Ein Wort wird durch ein oder mehrere Symbole gebildet, die für Nicht-Japaner so schwer auseinander zu halten sind. Zu allem Überfluss werden arabische Zahlen und Zahlen chinesischen Ursprungs parallel verwendet.

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Ich fühle mich in Tokio öfter wie ein Analphabet, da ich ohne fremde Hilfe weder meine Mitmenschen verstehen noch lesen oder schreiben kann. Bestellungen im Restaurant muss ich durch Zeigen auf das entsprechende Menü aufgeben und im Zweifelsfall weiß ich nicht einmal, wie viel es kostet. Eine große Hilfe sind die bebilderten Speisekarten oder die im Schaufenster der Restaurants – meist aus täuschend echter Plastik – ausgestellten Gerichte. Obwohl ich einige japanische Grundkenntnisse erworben habe, schlage ich mich also größtenteils mit Mimik und Gestik durch das Leben. Aber es funktioniert.

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Vom Essen in Tokio bin ich begeistert. Von japanischen über chinesische und andere asiatische bis hin zu europäischen Restaurants findet sich alles, was das Herz begehrt. Die meisten japanischen Gerichte, an denen ich mich bisher versucht habe, basieren auf Reis oder Nudeln. Die Gemüseportionen sind – wahrscheinlich auf Grund des hohen Beschaffungspreises – eher klein, werden aber durch üppig Reis und schmackhafte Fleischportionen ausgeglichen. Letztere sind eigentlich immer in kleine Scheiben oder Stücke geschnitten, damit man sie gut mit den Stäbchen greifen kann. Da ich mit diesen nichts schneiden kann, ist es mir durchaus erlaubt, einfach ein Stück abzubeißen und es wieder auf den Teller zu legen. Selbst Nudelsuppe wird in Japan mit den zwei Holzstäbchen und nur einem kleinen Löffel zu sich genommen. Ich muss mir richtig Mühe geben, dabei auch etwas zu schlürfen, um nicht den Eindruck zu erwecken, es würde mir nicht schmecken. Dabei stelle ich fest, wie sehr ich mich an gewisse Umgangsformen der deutschen Gesellschaft gewöhnt habe.

Auslandspraktikum Japan – MLP Stipendienprogramm Join the best

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Fisch, ob roh, gekocht oder gebraten, ist in Japan sehr beliebt. In keinem anderen Land der Welt wird so viel Fisch konsumiert wie hier. Sushi oder geräucherter Aal sind nur einige der Spezialitäten, die ich mir nicht entgehen lasse. Einmal habe ich mit Arbeitskollegen in der Nähe des Tsukiji, dem größten Fischmarkt der Welt, Mittag gegessen. Wie erstaunt ich war, als mir statt eines Thunfischsteaks ein ganzer Thunfischkopf serviert wurde, lässt sich vielleicht noch am Foto ablesen. Aber wie immer hat sich die japanische Küche nicht schmälern lassen und ich konnte mich mit einem sehr leckeren Gericht stärken.

Über das Join the best Programm von MLP hat Danny Rösler ein Stipendium für ein Praktikum in Tokio bei der bei T-Systems bekommen. Jedes Jahr vergibt MLP im Rahmen dieses Programms Stipendien für Auslandspraktika bei renommierten Partnerfirmen.

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