Die erste Woche nach meiner Ankunft Ende September in Shanghai bietet sofort alles, was diese chinesische Finanzmetropole mit 16 Millionen Einwohnern ausmacht. Es ist “National Holiday Week” in China. Dies bedeutet offiziell vom Staat verordnete Ferien, welche von vielen Millionen Chinesen intensiv genutzt werden, um zu reisen – bevorzugt in Großstädte wie Shanghai. Die Temperaturen betragen in dieser Jahreszeit noch tropisch feuchte 30-35 Grad. Meine Aufgabe für diese Woche besteht darin, eine Wohnung zu finden und die Stadt näher kennen zu lernen. Roland Berger hat mich zunächst in eine Apartmentwohnung eingebucht und so mache ich mich nach intensiver Recherche mittels Internet, Stadtplan und Mobiltelefon Tag für Tag auf den Weg durch den Dschungel an Straßen und Gassen voll hupendem und lärmenden Verkehr, Menschenmassen verschiedenster Herkunft und einem Gemisch unterschiedlicher Gerüche bestehend aus Abgasen, Essen und vielem mehr. So sauge ich viele neuartige Eindrücke dieser sich unheimlich schnell wandelnden Großstadt in mich auf.
Es ist eine faszinierende Mischung alter chinesischer Traditionen mit neuer westlicher Kultur. Dies spiegelt sich zunächst sichtbar in den Gebäuden wider. Gegenüber den geduckten Tempelanlagen des historischen Yu-Gardens, thronen die weit sichtbaren Hochhäuser der neuen Skyline von Pu Dong. Auch im täglichen Leben wird man Zeuge

Shanghai Auslandspraktikum
eines extremen Kontrastes zwischen Arm und Reich: Kleidung oder Unterhaltungselektronik sind auf ‘fake-markets’ genauso erhältlich, wie in großen Malls mit einer bunten Mischung westlicher Labels. Fortbewegen kann man sich quer durch Shanghai auf einem Klapperfahrrad, mit der bald großflächig ausgebauten Metro (30 Cent), im 2 Euro Taxi, in einer Luxuslimousine, oder eben bei 430 km/h im Transrapid (siehe hierzu auch den Bericht von Carsten Schönefeld, ebenfalls Jtb-Stipendiat 2007). Wie viele der zahlreichen Expatriates in Shanghai, habe auch ich mir ab und zu eine wohltuende und aus chinesischer Sicht luxuriöse Massage im ‘Dragonfly’ gegönnt. Anschließend kommt man aber um die vielen Bettler und Rosenverkäufer vor dem Laden nicht herum, die man ebenso wie alle Straßenhändler gefälschter DVDs, Uhren, Taschen etc. mit dem

Auslandspraktikumsplatz in Shanghai
bekannten “bu yao” oder “mei you” abwimmeln muss. Schließlich habe ich mich in Shanghai ebenso für 2 Euro wie für 30 Euro satt gegessen. Die Esskultur in Shanghai finde ich herausragend. Auch hier mischen sich Restaurants verschiedenster Kulturen, Ambienten und Preisniveaus. Dabei habe ich die vielen westlichen Ketten (KFC, McDonalds etc.) selten besucht. Es ist dagegen überaus spannend und lecker, die unbekannte Vielfalt unterschiedlichster Speisen und Geschmacksrichtungen (Yunnan, Sichuan, Nepalesisch, Thailändisch etc.) zu entdecken. Allerdings kann dem Verzehr der typischen Fleischspieße am Straßenrand anschließend durchaus Montezumas Rache folgen.
Dieser Gegensatz mag in Shanghai, dem Magneten für einen Teil der ländlichen Bevölkerung und Symbol einer boomenden Finanzmetropole vieler internationaler Firmen, besonders stark zu Tage treten. Es ist jedoch auch eine Entwicklung, die sich in anderen 1st und 2nd tier Städten Chinas verstärkt.
In Sachen Wohnungssuche habe ich Ende der Woche Erfolg. Ich finde eine tolle WG zusammen mit Rachel, einer

Praktikum in Shanghai
Chinesin aus Sichuan, die sehr westlich orientiert ist, und Sophie, einer französischen Austauschstudentin. Mit beiden verstehe ich mich auf Anhieb sehr gut und während unserer gemeinsamen Zeit in Shanghai unternehmen wir sehr viel und werden enge Freunde. Die Tatsache, mit einer Chinesin zusammen zu wohnen, hat für viele bürokratische Dinge des Alltags enorme Vorteile, sei es für Miete, Strom, Internet und Rechnungen jeder Art oder die Registrierung bei der örtlichen Polizei (auch hier ist die Gebühr mit dem Polizeichef verhandelbar). Ich habe dank einiger Partys und gemeinsamen Abenden mit Bekannten in dieser ersten Woche viele Leute in Shanghai kennen gelernt. Die Expat-Community in Shanghai ist sehr groß und es ist relativ einfach, schnell Kontakte zu knüpfen. Dank Rachel waren aber immer wieder Treffen mit ihren chinesischen Freunden dabei, die sehr interessant waren.

Stipendium für ein Praktikum in Shanghai
Kulturell hat Shanghai einiges zu bieten. Gleich in der ersten Woche habe ich mir Karten für das WM-Finale der deutschen Fußballerinnen im Hongkou Football Stadium besorgt. Nach dem souveränen 2:0 Erfolg gegen Brasilien ging es ausgiebig ans Feiern. Außerdem war ich beim Formel 1 Rennen auf dem Shanghai International Circuit außerhalb der Stadt. Leider ist dieses Event für Chinesen sehr teuer und weniger bekannt als in Europa. Neben diesen Sportevents und den vielen Bars und Nachtclubs der Stadt habe ich es besonders genossen, das noch etwas spärlich entwickelte klassische Musikprogramm der Stadt zu erkunden. Darunter fallen neben einem herausragenden Konzert mit Mischa Maisky im Grand Theatre auch ein Auftritt des Shanghai Symphony Orchestra in der neu renovierten Concert Hall am People’s Square.
Hatte ich während meines Praktikums ein Wochenende frei, habe ich sehr gerne den lokalen Stoffmarkt besucht und mir

Auslandspraktikum in China
das ein oder andere Kleidungsstück schneidern lassen. Dabei ist neben der bruchstückhaften Kommunikation in Englisch über die Art des Schnittes und Stoffes etc. vor allem die lange andauernde, harte Verhandlung des Preises lehrreich. Sie ist Teil des Kaufgeschäfts und manchmal gar nicht so sehr preisbezogen (es geht am Ende um 10 Yuan hin oder her). Darüber hinaus habe ich Freunde in Anting, “German Town” besucht. Es ist eine künstlich errichtete Stadt vor den Toren Shanghais, die komplett nach deutschem Vorbild erbaut wurde und sehr befremdend wirkt. Allerdings siedeln sich nach und nach Chinesen dort an. Außerdem habe ich mit dem Zug Hangzhou besucht. Die Stadt ist bekannt für ihren wunderschönen West Lake und die Tempelanlagen. Ein Arbeitskollege und ich haben diesen Ausflug genutzt um etwas auszuspannen und

Auslandsstipendium Shanghai– Programm der MLP Finanzdienstleistungen AG für Auslandspraktika
frische Luft in unsere Lungen zu blasen. Schließlich habe ich im Dezember noch einen Abstecher nach Hongkong gemacht, um mein Visum zu verlängern. Nach knapp 3 Stunden Flug fand ich mich in einer Stadt wieder, die mit Shanghai nur schwer zu vergleichen ist. Das angenehm milde Klima, ein britisch geprägtes, sauberes und ansprechendes Stadtbild, eine hervorragende Infrastruktur und eine multikulturelle Gesellschaft machen Hongkong eigen und zugleich faszinierend. Leider haben die zwei Tage nur für einen ersten Eindruck gereicht, dem aber sicherlich irgendwann ein längerer Besuch folgen wird.